№ 01 Litfaßsäule / Kiez-Journal
Litfaßsäule Magazin für Berlin-Kreuzberg, Chamissokiez und Bezirks-Politik
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Geschichte · 13 min

Peter Schlemihls Erben: Der Chamisso-Preis 2026

Vor vierzig Jahren wurde der Adelbert-von-Chamisso-Preis gestiftet, vor drei Jahren wiederbelebt – und im November 2026 wird er in Berlin verliehen, an einem Ort, dessen Quartier den Namen des Dichters trägt.

Es ist eine merkwürdige Konstellation: Ein Quartier in Berlin-Kreuzberg trägt seit 1888 den Namen eines deutsch-französischen Dichters und Botanikers, der nie hier gewohnt hat. Sein bekanntestes Werk, „Peter Schlemihls wundersame Geschichte” von 1814, ist die Erzählung eines Mannes, der seinen Schatten verkauft und damit aus der Gesellschaft fällt. Und seit 1985 trägt ein Literaturpreis seinen Namen, der ausschließlich Autorinnen und Autoren auszeichnet, deren Erstsprache nicht Deutsch ist. Im November 2026 wird dieser Preis in Berlin verliehen – und im Chamissokiez gibt es im Sommer und Herbst ein Begleitprogramm, das die Person hinter dem Namen wieder lesbar machen will.

Adelbert von Chamisso, 1781 bis 1838

Louis Charles Adélaïde de Chamissot kam am 30. Januar 1781 im Schloss Boncourt in der Champagne zur Welt. Die Familie floh 1792 vor der Französischen Revolution nach Preußen, das Schloss wurde 1793 zerstört. Der Knabe wuchs in Berlin auf, lernte Deutsch als zweite Sprache, wurde Page der Königin Luise und trat 1798 als Offizier in das preußische Infanterieregiment Götze ein.

Seine erste literarische Phase fällt in die Zeit der Befreiungskriege – und in eine Identitätskrise, die ihn lebenslang begleiten sollte: Der gebürtige Franzose im preußischen Dienst, der zwischen den Sprachen lebte und in keiner ganz zu Hause war. 1813 verließ er die Armee, schrieb 1814 binnen weniger Wochen die „Wundersame Geschichte des Peter Schlemihl” und schickte das Manuskript an Friedrich de la Motte Fouqué, der es ohne Wissen des Autors veröffentlichte.

Der Schatten, den Peter Schlemihl in der Erzählung an einen grauen Mann verkauft, ist seither Gegenstand unzähliger Interpretationen: das verlorene Heimatland, die assimilierte Identität, der Verlust des Sozialen gegen materiellen Gewinn. Dass Chamisso selbst zwischen zwei nationalen Identitäten stand, ist von der Forschung lange als zentraler biografischer Kontext gelesen worden. Im Kontext des heutigen Chamisso-Preises hat diese Lesart eine neue Aktualität gewonnen.

Die zweite Lebensphase Chamissos gehörte der Naturwissenschaft. Von 1815 bis 1818 nahm er als Naturforscher an der Weltumsegelung der „Rurik” unter Otto von Kotzebue teil – eine russische Expedition zur Erkundung der Nordwestpassage, die ihn nach Brasilien, Kamtschatka, Hawaii, an die kalifornische Küste und in den Beringstraßen-Raum führte. Sein botanisches Hauptwerk, die „Reise um die Welt” von 1836, ist bis heute eine Quelle für Sprachforscher zu den ozeanischen und nordamerikanischen Sprachen. Er war der erste Europäer, der die Sprache der Aleuten dokumentierte. Ab 1819 leitete er den Botanischen Garten in Berlin-Schöneberg.

Der Preis – Geschichte und Wiederbelebung

Der Adelbert-von-Chamisso-Preis wurde 1985 von der Robert Bosch Stiftung in Zusammenarbeit mit der Bayerischen Akademie der Schönen Künste gestiftet. Die ursprüngliche Stiftungsidee war pragmatisch und politisch zugleich: Es sollte ein Preis sein für Autorinnen und Autoren, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, die aber auf Deutsch schreiben – also für jene Gruppe, die in den achtziger Jahren noch als „Gastarbeiterliteratur” geführt wurde und für die es im deutschen Literaturbetrieb keinen eigenen Platz gab.

Die Liste der Preisträgerinnen und Preisträger liest sich heute wie ein Kanon der deutschsprachigen Literatur der Migration. Den ersten Hauptpreis erhielt 1986 Emine Sevgi Özdamar für ihren Erzählungsband „Mutterzunge” – eine Wahl, die rückblickend die Programmatik des Preises definierte: nicht das Thema Migration, sondern die Sprache der Migration als literarisches Verfahren. 1993 wurde Rafik Schami ausgezeichnet, dessen mündliche Erzähltradition aus Damaskus die deutschsprachige Literatur um eine ganze Stilrichtung erweitert hatte. 2004 erhielt Yade Kara den Förderpreis für ihren Roman „Selam Berlin”. 2008 ging der Hauptpreis an Saša Stanišić für „Wie der Soldat das Grammofon repariert” – ein Roman, der heute zu den wichtigsten Texten über den Jugoslawienkrieg in deutscher Sprache zählt. 2013 wurde Marica Bodrožić ausgezeichnet, deren Prosa zwischen Kroatien und Berlin pendelt.

2017 stellte die Robert Bosch Stiftung den Preis ein. Die Begründung war damals umstritten: Es gebe inzwischen so viele Autorinnen und Autoren mit migrantischer Sprachbiografie im deutschen Literaturbetrieb, dass ein Sonderpreis nicht mehr nötig sei. Die Reaktion aus der Literaturszene war scharf – Stanišić selbst gehörte zu den prominenten Kritikern dieser Argumentation.

2022 wurde der Preis von der Frieder Burda Stiftung wiederbelebt, in neuer Konstellation: Die Preissumme wurde auf 25.000 EUR für den Hauptpreis erhöht, der Förderpreis liegt bei 15.000 EUR, der Nachwuchspreis bei 7.500 EUR. Die Verleihung findet seitdem im Wechsel in Baden-Baden, München und Berlin statt – 2026 ist Berlin an der Reihe, der Termin steht für den 19. November 2026 in der Robert Bosch Stiftung am Französischen Dom.

Das Begleitprogramm im Chamissokiez

Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg hat im Frühjahr 2026 in der BVV-Drucksache DS/2891/VI ein Begleitprogramm beschlossen, das die Verleihung mit dem namensgebenden Quartier verbinden soll. Veranstaltungsort ist das Künstlerhaus Bethanien im benachbarten Bethanien-Komplex am Mariannenplatz – nicht der Chamissoplatz selbst, weil die Räumlichkeiten dort fehlen, aber in räumlicher Nähe.

Geplant sind im Sommer und Herbst 2026 acht Veranstaltungen: eine Lesung mit der ersten Preisträgerin Emine Sevgi Özdamar im Juli, ein Werkstattgespräch mit Saša Stanišić im September, ein Schreibseminar für Nachwuchsautorinnen und -autoren in den Sommerferien, drei zweisprachige Lesungen mit aktuellen Nominierten und zwei Gespräche mit Übersetzerinnen und Übersetzern. Das Programm wird kofinanziert vom Hauptstadtkulturfonds (Fördersumme 48.000 EUR) und dem Bezirkskulturfonds Friedrichshain-Kreuzberg (12.000 EUR).

Die Auswahl der Veranstaltungen folgt einer programmatischen Logik: Es geht nicht nur um die prominenten Namen, sondern um die Bedingungen, unter denen mehrsprachiges Schreiben heute stattfindet – ökonomisch, übersetzungstechnisch, in der Frage, wer einen Verlag findet und wer nicht. Die Veranstaltungen sind kostenfrei, mit Anmeldung über das Künstlerhaus Bethanien.

Der Chamissoplatz selbst – ein Stück Hobrecht-Plan

Wer im November 2026 zur Preisverleihung nach Berlin kommt und einen Spaziergang durch den Chamissokiez einplant, geht über einen Platz, dessen Geschichte mit der Stadterweiterung des 19. Jahrhunderts verwoben ist. Der Chamissoplatz wurde 1879 angelegt, als Bestandteil des Hobrechtschen Bebauungsplans von 1862, der die preußische Hauptstadt für die Verfünffachung ihrer Einwohnerzahl planerisch vorbereitete.

Der Platz selbst ist quadratisch, etwa 92 mal 92 Meter, mit einer Mittelachse, die ursprünglich auf die Schwiebusser Straße ausgerichtet war. Der Brunnen in der Platzmitte wurde 1885 errichtet, in der charakteristischen Sandstein-Ausführung der Berliner Stadtbrunnen, mit einer Schale von 4,20 m Durchmesser. Die Bebauung des Platzes folgte zwischen 1881 und 1894 – fünfgeschossige Mietshäuser mit Vorderhaus, Seitenflügel und Quergebäude, weitgehend in der Hand mittlerer Berliner Bauherren, nicht der großen Terraingesellschaften.

Die Namensgebung 1888 fiel in eine Phase, in der die Berliner Straßenbenennungskommission systematisch deutsche Dichter und Naturforscher in die neuen Stadterweiterungsgebiete brachte. Chamisso passte in beide Kategorien – und in das umliegende Straßenraster, das mit Willibald-Alexis-Straße, Fidicinstraße und Arndtstraße ein literarisch-historisches Vokabular über das Quartier legte.

Dass der Platz im Bombenkrieg vergleichsweise wenig beschädigt wurde – Schätzungen gehen von einem Substanzverlust von etwa zwölf Prozent aus, gegenüber bis zu sechzig Prozent in benachbarten Quartieren – ist der Grund, warum der Chamissokiez heute das geschlossenste Gründerzeitensemble West-Berlins ist. Die Sozialerhaltungsverordnung von 2014 hat diesen baulichen Bestand mit einem rechtlichen Schutz versehen, der die Stuckfassaden, die Hofdurchfahrten und die historische Parzellenstruktur sichert.

Was bleibt

Wenn am 19. November 2026 die Preisverleihung in Berlin stattfindet, dann verbindet sich ein Quartier mit einem Namen, der vor vierzig Jahren zum Synonym für eine bestimmte Literatur geworden ist. Der Mann, dessen Schatten verlorenging, wäre wahrscheinlich erstaunt darüber, dass sein Name heute über einer Form von Sprachvermögen steht, die er selbst praktiziert hat: das Schreiben in einer erlernten Sprache, mit den Mitteln einer mitgebrachten. Peter Schlemihls Erben sind viele, und sie schreiben weiter.


Ressort: Geschichte