№ 01 Litfaßsäule / Kiez-Journal
Litfaßsäule Magazin für Berlin-Kreuzberg, Chamissokiez und Bezirks-Politik
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Gastronomie · 12 min

Sonntags vier-fünfzig: Die Bergmannstraße zwischen Frühstück und Räumung

Achthundertfünfzig Meter, achtzig Geschäfte, achtzig Jahre Kaffeegeschichte – und eine Gewerbe-Mietsteigerung, die in fünf Jahren ein Dutzend Klassiker geschluckt hat. Eine Bestandsaufnahme.

Es ist Samstagmorgen, halb neun, und am Marheinekeplatz haben drei der vier Eckcafés bereits geöffnet. Vor dem ältesten der drei stehen sieben Tische auf dem Trottoir, sechs davon besetzt. Drinnen sitzen die Stammgäste auf den Plätzen, auf denen sie seit dreißig Jahren sitzen. Die Bedienung kennt die Bestellungen, ohne zu fragen. An der Theke liegt das Wechselgeld in einer Holzkasse mit Federzug, daneben ein Telefonbuch aus dem Jahr 2008. Wer nach den Veränderungen der Bergmannstraße fragt, bekommt hier die längste Antwort – und die deutlichste.

Die Achse und ihre Geschichte

Die Bergmannstraße verläuft vom Mehringdamm im Osten bis zum Marheinekeplatz im Westen, eine knapp 850 m lange Geschäftsachse durch das Herzstück Kreuzberg 61. Sie wurde 1864 angelegt, als Verbindungsstraße zwischen der ehemaligen Tempelhofer Vorstadt und dem damals neu erschlossenen Quartier um den Marheinekeplatz. Die Bebauung folgte zwischen 1868 und 1885 in der charakteristischen Wilhelminischen Mietshausstruktur: fünfgeschossige Vorderhäuser, dahinter Seitenflügel und Quergebäude, im Erdgeschoss durchgehend Ladenlokale.

Über 80 dieser Ladenlokale sind bis heute aktiv, das ist eine Dichte, die in West-Berlin selten geworden ist. Die Mischung folgt einer eigentümlichen Schichtung: türkische Imbisse aus den siebziger Jahren, italienische Eisdielen und Trattorien aus den sechziger Jahren, alteingesessene deutsche Einzelhandelsbetriebe (Schuhmacher, Kurzwaren, Schreibwaren), Cafés und Bars aus den achtziger und neunziger Jahren, dazwischen die Neueröffnungen der vergangenen fünf Jahre mit Spezialitäten-Bäckereien, Concept Stores und Drittwellen-Kaffee.

Die Klassiker – wer noch da ist

Das Café am Marheineke an der Westecke der Achse hat seit 1985 geöffnet und ist das älteste der drei großen Eckcafés. Fünfzig Sitzplätze drinnen, zehn draußen, eine durchgehende Vier-Stunden-Schicht der Bedienung, die seit den späten Achtzigern unverändert ist. Das Frühstück kostet 9,50 EUR im Standard, 14,50 EUR als Sonntagsbuffet, der Milchkaffee 3,80 EUR. Die Preiskalkulation ist über die Jahre langsam, aber kontinuierlich angepasst worden – im Schnitt 2,3 Prozent pro Jahr, deutlich unter der Inflationsrate des Gastronomie-Index der IHK Berlin.

Café Mahlow in der mittleren Bergmannstraße, eröffnet 1989, ist das zweite Standbein der Frühstücks-Tradition. Die Frühstückskarte umfasst sechzehn Varianten, vom „Berliner Frühstück” für 8,90 EUR (Brötchen, Aufschnitt, Käse, Marmelade, Ei) bis zum „Großen Mahlow” für 18,50 EUR. Die Sonntagsschlange beginnt um halb zehn vor der Tür und reicht regelmäßig bis zur Bushaltestelle der 248er. Mahlow ist der Versuch, eine bürgerliche Café-Kultur aufrechtzuerhalten – mit Stoff-Servietten, mit Tageszeitungen im Holzgestell, mit der Möglichkeit, drei Stunden bei einem Kaffee sitzen zu können, ohne dass die Bedienung nervös wird.

Die Eisdiele Marheineke an der Südseite des Platzes ist die älteste der drei Institutionen – eröffnet 1965 von einer italienischen Familie aus dem Veneto, heute in dritter Generation. Die Eissorten sind in dreißig Jahren um genau acht erweitert worden, der klassische Cappuccino kostet 2,80 EUR, eine Kugel Eis 1,80 EUR. Das Geschäft ist saisonal, die Wintermonate werden mit der Stammkundschaft und einer reduzierten Karte durchgetragen.

Die Verdrängungsdynamik 2020–2026

Die Bergmannstraße ist ein Studienfall für Gewerbe-Verdrängung in einem Wohngebiet, das durch die Sozialerhaltungsverordnung formell geschützt ist – aber die SozErhV greift nur für Wohnraum, nicht für Gewerbeflächen. Die Folge: Während die Wohnungsmieten im Quartier durch Kappungsgrenze und § 558 BGB gedeckelt sind, ist der Gewerbemietmarkt weitgehend ungeregelt.

Die Zahlen der IHK Berlin zur Bergmannstraße sind eindeutig. Zwischen 2020 und 2026 sind die Gewerbe-Nettokaltmieten in der Achse um 28 bis 45 Prozent gestiegen, mit den höchsten Steigerungen an den Ecklagen Mehringdamm und Marheinekeplatz. Ein 65-Quadratmeter-Ladenlokal mittlerer Lage, das 2020 für rund 1.500 EUR netto vermietet wurde, kostet heute 2.100 bis 2.400 EUR. Bei Neuvermietungen sind Aufschläge von bis zu 65 Prozent gegenüber dem Bestand dokumentiert.

Zwölf etablierte Klein-Geschäfte haben seit 2024 geschlossen oder den Standort gewechselt. Darunter eine Buchhandlung, die seit 1991 in der Bergmannstraße 23 ansässig war, ein Schreibwarengeschäft mit Gründungsjahr 1968, eine Wäscherei aus den späten siebziger Jahren und drei Imbisse, die zwischen den frühen achtziger Jahren und der Jahrtausendwende eröffnet hatten. In sieben der zwölf Fälle waren explizite Gewerbe-Mieterhöhungen der Auslöser, in den übrigen fünf Fällen die nicht verlängerte Vertragsoption am Ende eines zehnjährigen Mietvertrags.

Die Neueröffnungen folgen einem anderen Preisniveau. Drei Cafés der Drittwellen-Generation, die 2024 und 2025 eröffnet haben, kalkulieren mit Frühstücksstandards zwischen 15 und 22 EUR, mit einem Filterkaffee bei 4,80 bis 5,40 EUR. Die Sitzplatzdichte ist niedriger, die Auslastung in den Vormittagsstunden geringer, die Mietkalkulation funktioniert über einen höheren Pro-Kopf-Umsatz.

Die Späti-Linie

Wer die Bergmannstraße als Kaffeeachse beschreibt, übersieht ein Geschäftsmodell, das im Kiez mindestens ebenso prägend ist: den Späti. Acht Späti-Standorte verteilen sich auf die Achse zwischen Mehringdamm und Marheinekeplatz, mit Öffnungszeiten zwischen sechzehn und vierundzwanzig Stunden pro Tag. Das Sortiment folgt einem über die Jahre kaum veränderten Muster: Bier (Sterni 1,20 EUR, Pilsner Urquell 1,80 EUR, Augustiner 2,20 EUR), Tabakwaren, Süßwaren, Zeitungen, Tiefkühlpizza und seit etwa 2015 verstärkt Spirituosen in 0,2-Liter-Flaschen.

Die Stammkundschaft ist überraschend stabil. Drei der acht Späti-Standorte werden seit über zehn Jahren von denselben Familien betrieben, in zwei Fällen in zweiter Generation. Die Frage, ob die Berliner Sonntagsruhe-Regelung nach § 3 BerlLadÖffG die Spätis erfasst, ist seit dem Verwaltungsgerichtsurteil VG 4 K 235.19 vom November 2019 weitgehend zugunsten der Spätis entschieden – ein Status, der politisch immer wieder, aber bislang ohne praktische Konsequenz, in Frage gestellt wird.

Die Gewerbe-Mietsteigerung trifft die Späti-Standorte aufgrund ihrer kleineren Flächen (typisch 25 bis 40 m²) und der hohen Umsatzdichte weniger hart als die Cafés. Trotzdem sind zwischen 2022 und 2026 zwei der ursprünglich zehn Spätis in der Bergmannstraße geschlossen worden – beide nach Mieterhöhungen von über 35 Prozent.

Die Klein-Restaurants

Neben Cafés und Spätis prägt eine dritte Schicht die Achse: die Klein-Restaurants mit jeweils 20 bis 50 Sitzplätzen, in unterschiedlichen kulinarischen Traditionen.

Die türkische Linie ist seit den achtziger Jahren präsent, mit dem ikonischen Mustafa-Kebap-Standort am Mehringdamm-Ende der Achse – einer der ältesten Döner-Standorte West-Berlins, eröffnet 1979, mit Warteschlangen, die regelmäßig über den Bürgersteig hinausreichen. Daneben kleinere türkische Imbisse, oft in zweiter oder dritter Familiengeneration, mit Preisen zwischen 5,50 EUR für den Standard-Döner und 9,80 EUR für ein Iskender-Gericht mit Salat.

Die italienische Trattoria-Linie ist mit drei Standorten vertreten, der älteste in der Bergmannstraße 90 mit Eröffnung 1982. Die Karten haben sich seit der Jahrtausendwende kaum verändert, die Pasta-Standardgerichte liegen zwischen 11 und 16 EUR, die Pizza zwischen 9 und 14 EUR. Die Sonntagsauslastung ist hoch, die Reservierung empfohlen.

Eine Klein-Brauhaus-Linie hat sich in den vergangenen Jahren etabliert, mit zwei Standorten, die ihr eigenes Pils und Weizenbier ausschenken. Der Liter Pils kostet hier 9,80 bis 11,40 EUR, das Tagesgericht 14 bis 18 EUR – ein Preisniveau, das die Brauhäuser deutlich von der Späti-Bier-Kultur abgrenzt, aber innerhalb der Spanne der mittleren Berliner Gastronomie liegt.

Der Marheineke-Wochenmarkt

Der Wochenmarkt am Marheinekeplatz, mittwochs und samstags geöffnet, besteht ununterbrochen seit 1955. Er ist das ökonomische Gegengewicht zur Bergmannstraße: günstige Direktvermarktung, ein Standmiet-System der städtischen Marheineke-Markthalle, das auch kleineren Anbietern Zugang ermöglicht, eine soziale Mischung der Kundschaft, die in den umliegenden Cafés nicht mehr selbstverständlich ist.

Etwa siebzig Stände verteilen sich auf den Markttagen über den Platz, mit Schwerpunkten bei Obst und Gemüse, Käse und Wurst, Fisch, Backwaren und einem wachsenden Anteil türkischer und arabischer Spezialitäten. Der Markt finanziert sich zur Hälfte über Standmieten, zur anderen Hälfte über einen Zuschuss des Bezirksamtes Friedrichshain-Kreuzberg, der in der BVV-Drucksache DS/2756/VI zuletzt mit 124.000 EUR jährlich beschlossen wurde.

Was die Bergmannstraße in zehn Jahren sein wird

Die Bergmannstraße steht an einer Schwelle. Die Klassiker mit dreißig oder vierzig Jahren Tradition halten sich noch, aber jede einzelne Schließung in den vergangenen zwei Jahren hat gezeigt, dass die Substitutionslogik des Marktes greift: Wo ein Café für 9,50 EUR Frühstück schließt, eröffnet ein Café für 18 EUR Frühstück. Wo eine Wäscherei schließt, kommt ein Concept Store. Wo ein Schuhmacher aufhört, kommt eine vegane Bäckerei.

Die Bezirkspolitik hat das Problem erkannt – die BVV hat im März 2026 in der Drucksache DS/2914/VI einen Antrag verabschiedet, der die Prüfung einer Gewerbe-Erhaltungs-Verordnung nach dem Hamburger Modell vorsieht. Die rechtlichen Hürden sind hoch, der politische Wille im rot-rot-grünen Bezirksamt ist vorhanden, der Zeithorizont liegt frühestens beim Jahr 2027 für eine erste Beschlussfassung. Bis dahin entscheidet der Markt, und der Markt ist im Sechsmonats-Rhythmus schneller als jede Verordnung.


Ressort: Gastronomie